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Zum Tod von Hermann Schwengel (1949 – 2014)



Hermann Schwengel wurde 1949 im ländlichen Rahden-Wehe in der Nähe von Minden in Nordrhein-Westfalen geboren. Von 1971 an studierte er in Konstanz, Marburg und Zürich Philosophie, Politik und Pädagogik. Mit einer Arbeit zur strukturalen Revision der Marxschen Gesellschaftstheorie wurde er 1978 in Marburg promoviert. Als Assistent seines Doktorvaters Dietmar Kamper folgte Schwengel diesem 1979 an die Freie Universität Berlin. Für seine Habilitationsschrift von 1987, in der er die auseinanderstrebenden US-amerikanischen und europäischen Modernisierungspfade untersuchte, ging er für ein Jahr an die City University in New York. Daran schloss sich ein Aufenthalt als Humboldt Fellow an der Lancaster University an. Von 1990 bis 1993 war Schwengel Oberassistent an der Freien Universität, bevor er 1994 den Ruf auf die Professur für Soziologie als Nachfolger von Heinrich Popitz an der Albert-Ludwigs-Universität annahm.
Mit seiner philosophisch gebildeten Orientierung in den Streitfragen von Großtheorien, seinem Interesse an Historischer Soziologie und an Kultursoziologie konnte Schwengel an das Profil der Freiburger Soziologie anknüpfen. Er brachte in das Institut nicht nur die Perspektive einer politischen Soziologie ein, in deren Zentrum das Nachdenken über die Zukunft moderner Gesellschaften stand, sondern sorgte vor allem für eine Öffnung des Blicks in Richtung auf eine Soziologie globaler Verflechtungen. Sie wurde das Zentrum seiner Forschung und Lehre. Schwengels Zielrichtung benannte der Titel seiner programmatischen Schrift: „Globalisierung mit europäischem Gesicht. Der Kampf um die politische Form der Zukunft“. Sie fand einige Jahre später ihren Niederschlag im Aufbau des interdisziplinären und internationalen Masterprogramms Social Science (Global Studies Programme). Dieser Studiengang mit Kooperationspartnern in Indien, Südafrika und später auch Argentinien und Thailand startete 2002 und entwickelte sich rasch zu einem preisgekrönten und erfolgreichen Programm, das maßgeblich zur internationalen Sichtbarkeit der Albert-Ludwigs-Universität beiträgt.
Der Wirkungskreis Hermann Schwengels war nicht auf die Universität Freiburg beschränkt. Der Aufbau und auch der laufende Betrieb des Global Studies Programmes machten regelmäßige Reisen nach Afrika, Asien und Lateinamerika erforderlich, eine Anstrengung, der sich Schwengel offenkundig gern unterzog. Unterwegs war er nicht nur in Sachen Global Studies, sondern auch als Dozent am Collège d’Europe in Brügge, als Mitglied der Grundwertekommission der SPD, als Gutachter des DAAD und Mitglied der Editorial Boards zahlreicher Zeitschriften.
Ein Höhepunkt von Schwengels Tätigkeit am Institut für Soziologie war die Organisation des trinationalen Kongresses der deutschen, österreichischen und der schweizerischen Gesellschaften für Soziologie zum Leitthema „Grenzenlose Gesellschaft?“, den er 1998 nach Freiburg holte. Über die Leitung des Instituts hinaus engagierte er sich intensiv in den Organen der akademischen Selbstverwaltung: Von 1997 bis 1999 war er Mitglied des Senats und Dekan der Philosophischen Fakultät IV. Als Gründungsdekan von 2002 bis 2006 trug er maßgeblich zum Aufbau der neu zusammengesetzten Philosophischen Fakultät bei. Von 2009 bis 2012 bekleidete er das Amt des Prorektors Forschung.
Nur kurze Zeit nach seiner Emeritierung Ende September erkrankte er schwer. An den Folgen dieser Krankheit ist er am 7. Dezember verstorben. Mit Hermann Schwengel verlieren das Institut für Soziologie, die Philosophische Fakultät und die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eine weit über die Fachgrenzen hinaus bekannte und engagierte Persönlichkeit, einen inspirierenden akademischen Lehrer und einen allseits hochgeschätzten Kollegen. Hermann Schwengel sprühte vor Ideen und verfügte zugleich über ein hohes Maß jener institutionellen Klugheit, die es braucht, um sie umzusetzen. Das intellektuelle Gespräch mit ihm und seinen Optimismus werden wir vermissen. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Unsere Anteilnahme gilt seiner Familie.

Ulrich Bröckling

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