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Promotionsprojekt Karina Korecky

Psychiatrie und Subjektivität im Wandel

 

Die Erfahrung von Psychiatrie stellt eine besondere Herausforderung an die Wahrnehmung und Deutung der eigenen Person dar. Diese Selbstwahrnehmung geschieht vor dem Hintergrund sich wandelnder Bilder von psychischer Krankheit und neuen institutionellen Versorgungsangeboten. Mittels narrativer Interviews erhebe und beschreibe ich die Selbstdeutungen von Psychiatrieerfahrenen angesichts des institutionellen und diskursiven Wandels der Psychiatrie von 1960 bis in die Gegenwart und analysiere die Subjektivierungsweisen (ehemaliger) PatientInnen, d. h. die Formen und Strategien der Wiedergewinnung von Handlungsfähigkeit und Autonomie, die durch Psychiatrieerfahrung in Frage gestellt sind. Ergebnis ist eine Typologie von Deutungsmustern des Subjektstatus' von Psychiatrieerfahrenen im Wandel, des psychiatrisierten Selbst. Dieses Ziel orientiert sich an aktuellen Debatten um Patientenautonomie versus Zwang im psychiatrischen Feld, an der gesundheitspolitisch zunehmenden Betonung von Eigenverantwortung und Prävention im Bereich der Psychiatrie sowie an den Debatten um Theorie und Geschichte des Subjekts in der Soziologie.

Trotz der Infragestellung der Fähigkeit zur Subjektivierung bleibt das Subjekt auch für Psychiatrieerfahrene jener Fluchtpunkt, der Befähigung und Zurichtung zugleich bedeutet. Diese Anforderung hat für Psychiatrieerfahrene eine besondere Schärfe, denn für sie gilt gesellschaftlich die Vermutung, gar nicht erst in die Lage zu kommen, die Herausforderung anzunehmen. Man kann sagen, dass Diagnose, Krankheitserleben und Patienten-Status eine Art passiv machende Ent-Subjektivierung bedeuten, die allerdings mit der paradoxen Aufforderung an den Patienten einhergeht, diesem Zustand aktiv zu begegnen. Das Promotionsprojekt beantwortet die Frage, wie Betroffene diese Krise der Subjektivierung erfahren, deuten und welche Strategien sie entwickeln, um Handlungsfähigkeit zu behalten oder wieder zu erringen. Dabei wird Subjektivität graduell und relational verstanden und geht über eine dichotome Einteilung – Subjekt sein oder keines – hinaus. Auf welche Weise stellt sich das narrative Subjekt durch die Erfahrung von Psychiatrie hindurch her? Was lässt sich daraus für die Diskussion um den Subjektbegriff der Sozialwissenschaften lernen?

Konzeption, Datenerhebung und Auswertung des Promotionsprojekts findet im Rahmen des DFG-Forschungsvorhabens „Psychiatrie und Subjektivität im Wandel. Erfahrungen von Patientinnen und Patienten in bundesdeutschen psychiatrischen Einrichtungen von den 1960er Jahren bis heute“ statt.

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