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Lehre

 

Es werden regelmäßig Lehrveranstaltungen aus den Themenfeldern Sicherheit, Techniksoziologie und Organisations-soziologie angeboten. Schwerpunkte bilden dabei eine kulturtheoretische Ausrichtung, im Bereich empirischer Forschung wird mit qualitativen Methoden, insbesondere mit diskursanalytischer Ausrichtung gearbeitet.

WS 2021/22

Soziologie der Sicherheit

Dienstag 14 - 16 Uhr

Seit der Jahrtausendwende vollzieht sich eine Transformation in den Konzepten, institutionellen Arrangements und Praktiken im Umgang mit (Un)Sicherheit. Begriffe wie „Homeland Security“, „Secure Societies“, „Resilient Nation“, „kritische Infrastrukturen“ oder auch „zivile Sicherheit“ prägen politische Programmatiken, mediale Berichterstattung, die Fachdebatten im Sicherheitsmanagement wie auch wissenschaftliche Analysen der Gegenwart. Sie markieren nicht nur einen institutionellen Wandel, sondern auch einen Perspektivenwechsel, in dem die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften ins Zentrum des Sicherheitsdenkens rückt. Anstelle äußerer Gefahren ist die intrinsische Verwundbarkeit ökonomisch, medial und infrastrukturell hochgradig vernetzter Gesellschaften in den Vordergrund gerückt. Sicherheitsproduktion bezieht sich inzwischen folglich auf so unterschiedliche Aufgaben wie Terrorismusbekämpfung, das Management von Katastrophen, die Sicherung von Infrastrukturen, die Abwehr von Epidemien, die Kontrolle von Migrationsbewegungen oder die Prävention von Kriminalität.

Die soziologische Auseinandersetzung mit den Triebkräften und Effekten der gegenwärtigen Konjunktur von Sicherheit basiert auf unterschiedlichen kultur- und sozialwissenschaftlichen Paradigmen, die von ihrer Fragestellung, ihren Schlüsselkonzepten und ihrer methodischen Herangehensweise andere Schwerpunkte setzen. Im Seminar werden unterschiedliche Forschungsdesigns dieser Auseinandersetzung verhandelt: diskursanalytische Studien, die der Genealogie von Sicherheitsproblemen nachgehen; praxeologische Studien, die nach den Spezifika, den Normen und Selbstverständnissen institutioneller Sicherheitspraktiken fragen und insbesondere mit ethnographischer Beobachtung arbeiten; Studien zu Formen und Effekten einer Technisierung von Sicherheitspraktiken, die an den „material turn“ anknüpfen; Studien, welche den affektiven, emotionalen und somatischen Verankerungen und Effekten von Sicherheitspolitiken, -diskursen und -praktiken nachgehen; positivistische Studien, die nach der „objektiven“ Relevanz von Unsicherheiten fragen.

 

Populismus – Bestimmungen, Theorien, Erscheinungsformen

Mittwoch 12 - 14 Uhr

Der Begriff des Populismus hat – sowohl als politischer Kampfbegriff wie als sozialwissenschaftliche Kategorie  und nicht selten als beides zugleich – seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer  wieder Konjunktur. Dies auch gegenwärtig: Das Cover eines aktuellen Essays zu Populismus etwa verweist mit Bildern von Victor Orbán, Geert Wilders, Donald Trump, Marine Le Pen, Beppe Grillo und Hugo Chávez noch nicht einmal ansatzweise auf all die Regierungen, Parteien und Bewegungen, die vom demokratietheoretischen Mainstream mit „populistischer Gefahr“ assoziiert werden. Aber schon mit Blick auf die Heterogenität der Genannten stellt sich die Frage, was denn das spezifische Gemeinsame und Abgrenzende, oder anders ausgedrückt: was denn Populismus ist.

Das Seminar wird sich zunächst mit unterschiedlichen Konzeptualisierungen (typologischen, demokratietheoretischen, relationalen) von Populismus auseinandersetzen. Ein erster Schwerpunkt liegt auf der Populismustheorie von Ernesto Laclau und den mit seiner Theorie verbundenen Fragen nach der Konstitution von Hegemonie und kollektiver Identität (Volk), wie auch nach der konstitutiven Affektgeladenheit des Politischen. Ein zweiter Schwerpunkt gilt der (Diskussion um die) Differenz dem Konzept radikaler Demokratie (Linkspopulismus, Chantal Mouffe) und autoritärem Populismus. Daran anschließend werden in gegenwartsdiagnostischer Hinsicht Fragen nach den strukturellen Ursachen populistischer Konjunktur – im politischen System, sozialer Ungleichheit, Mediendynamiken – verhandelt.

 

SS 2021

Sicherheit in der Krise - Forschungsseminar zur Pandemie

Mittwoch 10 - 12 Uhr

Zugespitzte Krisen, oder genauer: Notfalllagen, wie die derzeitige Pandemie begründen einen radikalen Wandel der Sicherheitsgewährleistung. Notfallgesetze und -verordnungen treten in Kraft, die mit erheblichen Grundrechtseingriffen verbunden sind. Notfälle mögen zunächst selbstevident und selbstlegitimierend erscheinen, sobald sie in eine zeitlich ausgedehnte Notfalllage übergehen, tritt ihr politischer Charakter hervor. Die scheinbare Alternativlosigkeit von Entscheidungen schwindet, die Priorisierung und Verteilung behördlicher Hilfe wird ebenso rechtfertigungspflichtig wie die Einschränkungen des sozialen Lebens. Entsprechend entfalten sich – zumindest in liberalen Gesellschaften – Meinungspluralität und Konflikte, Maßnahmen geraten in Zweifel, öffentliche (Zu-)stimmungen kippen.

Diese Transformation in der Legitimation und Akzeptanz des Notfalls sowie die Entfaltung divergierender Meinungen und Konflikte wird das Seminar anhand der öffentlichen Diskussion zur Politik der Pandemiebekämpfung aufarbeiten. Ein erster Teil des Seminars ist der Erarbeitung der methodologischen und theoretischen Orientierungen gewidmet. Verhandelt werden je nach Interesse und Vorkenntnissen der Teilnehmer*innen die Theorie der Versicherheitlichung (Ole Wæver, Barry Buzan), wissenssoziologische Diskursanalyse, affekttheoretische Reflexionen (Brian Massumi) und die Soziologie der Rechtfertigung (Luc Boltanski, Laurent Thévenot). Ein zweiter Teil analysiert unter diesen Perspektiven die Dynamik des öffentlichen Diskurses zu spezifischen Maßnahmen und Geboten der Pandemiebekämpfung (z.B. Kontaktverbote, Maskentragen, Tracing-App, Impfung). Das Seminar steht im Kontext der Vorbereitung eines größeren Forschungsprojekts und bietet auch Anschlussmöglichkeiten für eigene Studienprojekte und Abschlussarbeiten.

 

Integration, Diversität und Organisation

Mittwoch 14 - 16 Uhr

Identitätspolitische Spannungen sind zu einem zentralen gesellschaftlichen Konfliktfeld avanciert. Während rechtspopulistische Bewegungen mit identitären Schließungsprozessen auf die Pluralisierung von Lebensentwürfen antworten, verliert der Kampf um Anerkennung und Partizipation exkludierter und benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen keineswegs an Vehemenz. Identität wird zum wesentlichen politischen Einsatz im Kampf um die gesellschaftliche Verfassung, der sich im Umgang mit Migration zuspitzt – als „Chiffre für Pluralität“, „in deren Ablehnung sich gleichermaßen die Abwehr weiterer pluraler Lebensformen bündelt“ (Foroutan). Damit ist nicht nur eine generelle gesellschaftliche Polarisierung skizziert, sondern auch die Paradoxie, dass verstärkte Integration mit verschärften Konflikten einhergeht (El-Maafalani). Dies spiegelt sich auch auf der Ebene von Organisationen und Institutionen wider: Bekenntnisse zu Diversität und interkultureller Öffnung sind schon beinahe obligatorisch, während sich zugleich die Kritik an institutionellem Rassismus verschärft.

Das Seminar wird sich mit diesen Konflikten und Paradoxien zunächst auf gegenwartsdiagnostischer Ebene auseinandersetzen, insbesondere mit Foroutans Diagnose von einer „postmigrantischen Gesellschaft“. In einem zweiten Seminarteil werden unter organisationskultureller Perspektive an einzelnen Fallbeispielen die Spannung zwischen Bemühungen um Diversität – insbesondere unter den Vorzeichen interkultureller Öffnung – und struktureller Diskriminierung verhandelt. Gedacht ist zunächst an Organisationen aus dem Sicherheitsbereich, wie die Polizei oder die Feuerwehr. Je nach Interesse der Teilnehmenden können aber auch weitere Organisationen aus den Feldern Verwaltung, Kirche, Bildung, Wirtschaft, Gesundheitswesen oder Sport verhandelt werden.