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Lehre

 

Es werden regelmäßig Lehrveranstaltungen aus den Themenfeldern Sicherheit, Techniksoziologie und Organisations-soziologie angeboten. Schwerpunkte bilden dabei eine kulturtheoretische Ausrichtung, im Bereich empirischer Forschung wird mit qualitativen Methoden, insbesondere mit diskursanalytischer Ausrichtung gearbeitet.

SS 2021

Sicherheit in der Krise - Forschungsseminar zur Pandemie

Mittwoch 10 - 12 Uhr

Zugespitzte Krisen, oder genauer: Notfalllagen, wie die derzeitige Pandemie begründen einen radikalen Wandel der Sicherheitsgewährleistung. Notfallgesetze und -verordnungen treten in Kraft, die mit erheblichen Grundrechtseingriffen verbunden sind. Notfälle mögen zunächst selbstevident und selbstlegitimierend erscheinen, sobald sie in eine zeitlich ausgedehnte Notfalllage übergehen, tritt ihr politischer Charakter hervor. Die scheinbare Alternativlosigkeit von Entscheidungen schwindet, die Priorisierung und Verteilung behördlicher Hilfe wird ebenso rechtfertigungspflichtig wie die Einschränkungen des sozialen Lebens. Entsprechend entfalten sich – zumindest in liberalen Gesellschaften – Meinungspluralität und Konflikte, Maßnahmen geraten in Zweifel, öffentliche (Zu-)stimmungen kippen.

Diese Transformation in der Legitimation und Akzeptanz des Notfalls sowie die Entfaltung divergierender Meinungen und Konflikte wird das Seminar anhand der öffentlichen Diskussion zur Politik der Pandemiebekämpfung aufarbeiten. Ein erster Teil des Seminars ist der Erarbeitung der methodologischen und theoretischen Orientierungen gewidmet. Verhandelt werden je nach Interesse und Vorkenntnissen der Teilnehmer*innen die Theorie der Versicherheitlichung (Ole Wæver, Barry Buzan), wissenssoziologische Diskursanalyse, affekttheoretische Reflexionen (Brian Massumi) und die Soziologie der Rechtfertigung (Luc Boltanski, Laurent Thévenot). Ein zweiter Teil analysiert unter diesen Perspektiven die Dynamik des öffentlichen Diskurses zu spezifischen Maßnahmen und Geboten der Pandemiebekämpfung (z.B. Kontaktverbote, Maskentragen, Tracing-App, Impfung). Das Seminar steht im Kontext der Vorbereitung eines größeren Forschungsprojekts und bietet auch Anschlussmöglichkeiten für eigene Studienprojekte und Abschlussarbeiten.

 

Integration, Diversität und Organisation

Mittwoch 14 - 16 Uhr

Identitätspolitische Spannungen sind zu einem zentralen gesellschaftlichen Konfliktfeld avanciert. Während rechtspopulistische Bewegungen mit identitären Schließungsprozessen auf die Pluralisierung von Lebensentwürfen antworten, verliert der Kampf um Anerkennung und Partizipation exkludierter und benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen keineswegs an Vehemenz. Identität wird zum wesentlichen politischen Einsatz im Kampf um die gesellschaftliche Verfassung, der sich im Umgang mit Migration zuspitzt – als „Chiffre für Pluralität“, „in deren Ablehnung sich gleichermaßen die Abwehr weiterer pluraler Lebensformen bündelt“ (Foroutan). Damit ist nicht nur eine generelle gesellschaftliche Polarisierung skizziert, sondern auch die Paradoxie, dass verstärkte Integration mit verschärften Konflikten einhergeht (El-Maafalani). Dies spiegelt sich auch auf der Ebene von Organisationen und Institutionen wider: Bekenntnisse zu Diversität und interkultureller Öffnung sind schon beinahe obligatorisch, während sich zugleich die Kritik an institutionellem Rassismus verschärft.

Das Seminar wird sich mit diesen Konflikten und Paradoxien zunächst auf gegenwartsdiagnostischer Ebene auseinandersetzen, insbesondere mit Foroutans Diagnose von einer „postmigrantischen Gesellschaft“. In einem zweiten Seminarteil werden unter organisationskultureller Perspektive an einzelnen Fallbeispielen die Spannung zwischen Bemühungen um Diversität – insbesondere unter den Vorzeichen interkultureller Öffnung – und struktureller Diskriminierung verhandelt. Gedacht ist zunächst an Organisationen aus dem Sicherheitsbereich, wie die Polizei oder die Feuerwehr. Je nach Interesse der Teilnehmenden können aber auch weitere Organisationen aus den Feldern Verwaltung, Kirche, Bildung, Wirtschaft, Gesundheitswesen oder Sport verhandelt werden.

 

 

WS 2020/21

Surveillance Studies. Zur Theorie und Empirie gegenwärtiger Praktiken des Überwachens und Kontrollierens

Mittwoch 10 - 12 Uhr

Überwachen und Kontrollieren sind essentielle Organisationspraktiken. Spätestens seit der Frühindustrialisierung durchziehen sie die staatliche Verwaltung, geheimdienstliche, polizeiliche und militärische Sicherheitsbereiche ebenso wie die Produktionssphäre. Im Zuge der Digitalisierung und Datafizierung immer weiterer Bereiche des sozialen Lebens ist systematische Überwachung nahezu omnipräsent geworden. Internetbasierte Arbeits-, Konsum- und Kommunikationspraktiken, Soziale Medien, Mobile Kommunikation, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz lauten die Stichworte: Das soziale Leben spielt sich zunehmend in datentechnisch aufbereiteten Umwelten ab, indem analoge Prozesse in diskret abzählbare, binär codierte überführt werden, werden sie zugleich statistisch auswertbar und maschinell berechenbar, d.h. überwach- und kontrollierbar.

Mit den Surveillance Studies hat sich eine Forschungsrichtung gebildet, die nach den historischen, insbesondere technisch-medialen Transformationen des Überwachens und Kontrollierens, ihren Voraussetzungen, Formen und Effekten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten und Dimensionen fragt – etwa im Bereich der Regierungsführung, in den Formen der Subjektivierung, im Feld ökonomischer Regimes oder im Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit. Im Seminar werden zum einen grundlegende, historisch-genealogisch ausgerichtete, theoretische und konzeptionelle Perspektiven verhandelt: Michel Foucaults Interpretation des Panoptikums, James Benigers Thesen zur Control Revolution im ausgehenden 19. Jahrhundert, die Interpretation der Gegenwart als Kontrollgesellschaft im Anschluss an Gilles Deleuze und Shoshana Zuboffs Thesen zum Überwachungskapitalismus. Zum anderen werden in Abstimmung mit den Teilnehmer*innen eher empirisch orientiert Phänomene und Effekte der Technisierung von Überwachung und Kontrolle in unterschiedlichen Feldern diskutiert: etwa Kontrolle im Arbeitsbereich, im öffentlichen Raum, in der Strafverfolgung, im privaten Bereich.

 

Theorien der Sicherheitsforschung

Mittwoch 14 - 16 Uhr

In den letzten 20 Jahren hat sich unter dem Label „Critical Security Studies“ eine Forschung etabliert, die sich mit den Triebkräften und Effekten der gegenwärtigen Konjunktur von Sicherheit sowie den Formen des Sicherheitsmanagements auseinandersetzt. Studien in diesem interdisziplinären Forschungsfeld basieren auf unterschiedlichen kultur- und sozialwissenschaftlichen Paradigmen, die von ihrer Fragestellung, von ihren Schlüsselkonzepten und ihrer methodischen Herangehensweise andere Schwerpunkte setzen.

Im Seminar werden unterschiedliche Forschungsdesigns – die nicht exklusiv sein müssen und sich teils auch überschneiden – verhandelt: diskursanalytische Studien, die der Genealogie von Sicherheitsproblemen nachgehen und den Trend zur Versicherheitlichung des Sozialen im Wesentlichen als Effekt machtbasierter Sprechakte bestimmen; praxeologische Studien, die nach den Spezifika, den Normen und Selbstverständnissen institutioneller Sicherheitspraktiken fragen und insbesondere mit ethnographischer Beobachtung arbeiten; Studien zu Formen und Effekten einer Technisierung von Sicherheitspraktiken, die an den „material turn“ anknüpfen; Studien, welche den affektiven, emotionalen und somatischen Verankerungen und Effekten von Sicherheitspolitiken, -diskursen und -praktiken nachgehen.