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Lehre

 

Es werden regelmäßig Lehrveranstaltungen aus den Themenfeldern Sicherheit, Techniksoziologie und Organisations-soziologie angeboten. Schwerpunkte bilden dabei eine kulturtheoretische Ausrichtung, im Bereich empirischer Forschung wird mit qualitativen Methoden, insbesondere mit diskursanalytischer Ausrichtung gearbeitet.

WS 2019/20

Technik und Sozialtheorie

Mittwoch 10 - 12 Uhr, Kollegiengebäude IV,Übungsraum 1

Soziologische Theorien räumen technischen Phänomen einen sehr unterschiedlichen Platz ein: von Luhmanns Systemtheorie nahezu übergegangen, sind sie ein Kernelement in Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). An der hochgradigen Technisierung gegenwärtiger Gesellschaft und der universellen Präsenz technischer Dinge im Sozialleben kommt aber keine soziologische Theorie mehr vorbei. Insofern bietet die Art und Weise, wie und welche Technologien oder technische Dinge thematisiert werden, einen guten Einstieg in einen Theorievergleich: Welche Probleme in der Entwicklung oder im Umgang mit Technik rücken in den Blick? Was interessiert an der Technik und implizit an der Sozialwelt?
Das Seminar widmet sich den unterschiedlichen Sichtweisen auf technische Dinge aus unterschiedlicher (sozial)theoretischer Perspektive. Verhandelt werden sowohl „klassische“ Zugänge – von Marx, der kritischen Theorie (Habermas) oder von anthropologischen Perspektive (Popitz, Anders) – wie neuere Thematisierung aus systemtheoretischer, medien- bzw. diskurstheoretischer, sozialkonstruktivistischen (Gender, Cultural Studies, ANT) Perspektiven.

 

Critical Security Studies

Mittwoch 14 - 16 Uhr, Kollegiengebäude IV,Übungsraum 1

Gegenwärtig vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel im Sicherheitsdenken, in den Sicherheitsdiskursen, in den Akteurskonstellationen des Sicherheitsmanagements sowie in den Praktiken der Sicherheitsgewährleistung. Dieser Wandel ist durch drei generelle Trends gekennzeichnet: Versicherheitlichung, Vernetzung und Technisierung. Versicherheitlichung bezeichnet den Trend, immer weitere Bereiche des sozialen Lebens als Sicherheitsprobleme zu verhandeln – von der Migration bis zum Klimawandel. Vernetzung bezieht sich auf (neue) Formen räumlicher Verdichtung und institutioneller Kooperationen, auf die Globalisierung der Problembearbeitung einerseits und andererseits darauf, immer mehr Akteure bis zur Mobilisierung der Bevölkerung in das Sicherheitsmanagement einzubeziehen, was mit einer Transformation der Rolle Staates als Sicherheitsgarant einhergeht. Die Technisierung von Sicherheit in den Praktiken der Überwachung und Kontrolle von Räumen, Personen und Vorgängen eröffnet dabei neue Möglichkeiten technopolitischer Regulation. Diesem Wandel der Sicherheitsproduktion ist die Paradoxie eingeschrieben, zugleich neue Formen von Unsicherheit auf- und hervorzurufen.

Unter dem Label „Critical Security Studies“ versammeln sich sehr heterogene Ansätze, diesen Wandel zu beobachten. Gemein ist ihnen, diesen Wandel sozialkonstruktivistisch zu verstehen und ihn entsprechend diskurs-, wissens- und machttheoretisch zu konzeptualisieren. In einem ersten Seminarteil werden grundlegende Theorietexte verhandelt, in einem zweiten Teil – in Absprache mit den Teilnehmenden – einzelne Phänomene empirisch aufgearbeitet.

 

SS 2019

Normale Katastrophen? - Zur Soziologie organisierter (Un)Sicherheit

Mittwoch 10 - 12 Uhr, Kollegiengebäude IV,Übungsraum 1

Charles Perrows im Kontext eines Organisationsgutachten zum Reaktorunfall in Harrisburg 1979 entwickelte „Normal Accident Theory“ (NAT) wurde zum Meilenstein organisations- und katastrophensoziologischer Auseinandersetzungen mit den Risiken moderner Großtechnologien. Perrows Theorie liefert Konzepte und Stichworte, die zu den Grundlagen der Analyse gegenwärtigen Sicherheitsdenkens und gegenwärtiger Sicherheitspraktiken zählen – und dies gilt nicht nur für die Analyse des Umgangs mit Großtechnologien, sondern für sehr unterschiedliche Felder der Sicherheitsproduktion.
Von einer Auseinandersetzung mit Perrows Thesen, ausgehend werden drei Linien im Seminar verfolgt. Erstens wird der organisationstheoretische Gegenentwurf zur NAT verhandelt: die High-Reliability Theory (HRT), die – im Gegensatz zu Perrow, der betont, dass Katastrophen unvermeidbar seien – in den Blick rücken, dass Großunfälle sehr selten vorkämen und Modelle ausarbeiten, wie Organisationen komplexe Systeme und kritische Lagen beherrschen können. Ihre organisationstheoretische Popularisierung findet sie gegenwärtig im Konzept der Achtsamkeit (Weick, Sutcliffe). Zweitens lässt sich der Gedanke der Normalität von Katastrophen nicht nur im Kontext von Risikotechnologien beobachten, sondern auch auf andere Sicherheitsleistungen übertragen – untersucht etwa im Fall der Loveparade-Katastrophe oder dem polizeilichen Versagen bei den NSU-Morden. Fehleinschätzungen und Fehlleistungen, die zum Versagen bei Sicherheitsleistungen führen, lassen sich in diesem Kontext mit Theorien zu Routinen organisatorischen Entscheidens erklären (Seibel). Drittens lässt beobachten, wie nach 9/11 und im Kontext der informationstechnischen Vernetzung technischer Systeme, Kerngedanken der eher im kritisch-alternativen Spektrum rezipierten NAT in dominante Sicherheitsdiskurse überführt werden (Collier/Lakoff). Und schließlich soll auch die Frage nach dem Verhältnis von Unfall und gesellschaftlicher Ordnung (Kassung) aufgenommen werden.

 

Datengesellschaft? Theorie und Empirie der Digitalisierung des Sozialen

Mittwoch 14 - 16 Uhr, Kollegiengebäude IV,Übungsraum 1

Immer weitere Bereiche sozialer Wirklichkeit werden in Daten überführt, Daten daher in zunehmend umfassenderer Form konstitutiv für die Strukturierung und Reproduktion der Gesellschaft. Daten zu generieren und zu teilen ist zu einer gesellschaftlich breit gestreuten Praxis geworden. Das soziale Leben spielt sich zunehmend in datentechnisch aufbereiteten Umwelten ab, indem analoge Prozesse in diskret abzählbare, binär codierte, statistische auswertbare, maschinell berechenbare transformiert werden. Eine Transformation der kulturellen (Wissens-)Ordnung der Gesellschaft zeichnet sich ab, in deren Zuge sich neue Formen sozialer Konnektivität und neue Formen sozialer Kontrolle etablieren, die von Politik, Ökonomie, Pädagogik bis ins Intimleben sämtliche gesellschaftlichen Bereiche durchdringen.

Im Seminar werden drei Aspekte dieser Datafizierung der Gesellschaft verhandelt. Erstens werden in medienhistorischer, medientheoretischer und techniksoziologischer Perspektive zentrale Komponenten dieses Prozesses diskutiert (etwa die Genealogie von Suchmaschinen, die Konstruktion und Logik von Datenbanken, Algorithmen oder Big Data Applikationen), um die „black box“ digitaler Datentechnologien zu öffnen. Zweitens werden in empirischer und sozialtheoretischer Sicht neue Phänomene des Kontrollierens, Quantifizierens, Bewertens und Vergleichens (etwa social scoring, Rankings, NSA-Überwachung) in den Blick genommen. Drittens werden macht-, kapitalismus- und systemtheoretisch inspirierte Entwürfe diskutiert, die mit dem Prozess der Datifizierung einen radikalen gesellschaftlichen Wandel einhergehen sehen.