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Lehre

Aktuelle Lehrveranstaltungen

Die Außenseite des Privaten (im SoSe 2017)

 

zusammen mit Richard Schindler

 

(Blockseminar, Belfortstraße 18, Vorderhaus)

 

Der öffentliche Raum, wie wir ihn heute verstehen, ist nicht nur der physikalische, der nicht-umbaute Raum, der allen Menschen zugänglich ist.
Die Stadt, das Urbane, ist, wie Richard Sennett definiert, „die Chance Fremden zu begegnen“. Das heißt, der öffentliche Raum ist sozialer Raum. Und als solcher ist er Handlungsraum. Und das wiederum ist sichtbar. Der soziale Handlungsraum nämlich konstituiert sich im Umgang mit Dingen.
Traditionell verstehen wir den öffentlichen Raum als Gegensatz zum privaten Raum. Von dem aber lässt sich zeigen, dass er eine bildhafte Außenseite hat. Vielleicht ist der öffentliche Raum überhaupt am besten zu verstehen, wenn wir ihn als die nach Außen gekehrte Seite des Privaten begreifen.
Diese nach Außen gekehrte Seite des Privaten hat viele Facetten: Denn das Leben der Stadt ist sichtbar gestaltet etwa durch die Art und Weise, wie wir uns kleiden, wie wir uns geben, wie wir gehen. Die unterschiedlich gestalteten Fassaden von Wohnhäusern und Vorgärten prägen das Stadtbild genauso wie die sogenannten ‚Liebesschlösser‘, die an Brücken ein öffentliches Bekenntnis privater Paarbeziehungen darstellen – um nur einige Beispiele zu nennen. Mit solchen alltäglichen Praktiken wird der Stadtraum nicht nur genutzt, sie modifizieren ihn vielmehr, modellieren und verlebendigen ihn fortwährend und machen ihn allererst zu dem, der er ist. Gerade diese – oft unscheinbaren – Dingpraktiken konstituieren den Sozialraum Stadt und vergegenwärtigen (unausgesprochene oder unaussprechliche) Verhältnisse unter Bekannten und Fremden. Und dies sowohl für den eigenen Blick, wie für den der Anderen.
Im Seminar soll diese sichtbare Außenseite des Privaten in ihren verschiedenen Erscheinungsformen untersucht werden. Nach einem ersten Lektüreteil werden im zweiten Teil ethnografische Streifzüge durch die Stadt unternommen und die Dokumentationen dann gemeinsam im Seminar analysiert.
Das Seminar ist als Blockseminar konzipiert.

Checkliste: Ausweis, Navi, Erdbeeren... Methoden zur Reorganisation der Dinge und des Wissens im Alltag / der Wissenschaft (im WS 2016/17)

zusammen mit Richard Schindler

(Blockseminar, KG IV, Mediaraum und ÜR 1)

Wissenschaftliches Arbeiten besteht zu erheblichem Teil darin zu ordnen: Dinge, Phänomene, Ereignisse werden kategorisch, historisch, fachlich ein- und zugeordnet. Häufig entstehen dabei Listen (der Ereignisse, der Phänomene, der Dinge). Aber auch im Alltag ist man immer wieder mit Ordnen und Sortieren beschäftigt. Und auch dabei entstehen Listen (Einkaufslisten, Gästelisten, Materiallisten). Es könnte daher durchaus sein, dass die Alltagspraxis des Ordnens auch das Verständnis wissenschaftlichen Handelns prägt – und umgekehrt. In unserem Forschungsseminar wollen wir konkrete Praktiken des Ordnens genauer anzuschauen und uns dabei auf Listen konzentrieren.

Welche Listen gibt es – wo werden sie eingesetzt? Wo in der Wissenschaft, wo im Alltag begegnen wir Listen? Wie werden sie geführt? Was zeichnet sie aus? Wozu genau dienen sie? Was ist ihre Funktion? Was macht Listen alltagstauglich? Und: Eignen sich Listen als wissenschaftliche Methode?

Wie in früheren gemeinsamen Lehrveranstaltungen möchten wir auch in diesem Seminar Textarbeit zum Thema und genaue Analyse konkreter Beispiele verbinden. Dabei sollen wissenschaftliche und künstlerische Sichtweisen produktiv miteinander verbunden werden, denn nicht zuletzt in der Kunst spielen Listen eine auffällige Rolle.

Das Seminar ist als Blockseminar konzipiert. Teilnahme nur nach vorheriger Anmeldung bei: Tobias.Schlechtriemen@soziologie.uni-freiburg.de – weil die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrenzt ist und zur ersten Sitzung Informationen per Mail verschickt werden.

 

Vergangene Lehrveranstaltungen

Die Gegenwartsgesellschaft auf den Begriff bringen – soziologische Zeitdiagnosen im Vergleich (WS 2015/16)

zusammen mit Prof. Ulrich Bröckling

Seit ihren Anfängen hat die Soziologie versucht, ihre Zeit auf den Begriff zu bringen und die jeweilige Gegenwartsgesellschaft zu charakterisieren. Soziologische Zeitdiagnosen spielen bis heute eine wichtige Rolle im Prozess gesellschaftlicher Selbstverständigung. Sie erreichen oftmals hohe Auflagen und wirken weit über den akademischen Diskurs hinaus in den öffentlichen Raum. Titel wie die ‚postindustrielle Gesellschaft‘ (Bell), ‚Risikogesellschaft‘ (Beck) oder ‚Multioptionsgesell­schaft’ liefern prägnante Epochensignaturen. In den sozio­logischen Zeitdiagnosen treten regelmäßig – teils sogar titelgebend – Figuren auf, die für ihre Zeit als prägend angesehen werden: der ‚Manager‘ (Burnham), der ‚Organization Man‘ (Whyte), der ‚flexible Mensch‘ (Sennett) oder der ‚verschuldete Mensch’ (Lazzarato). Dabei handelt es sich nicht um konkrete Individuen, sondern um Typen, in denen sich das gesellschaftliche Wissen über die sozialen Formungen und die Handlungsmacht des Einzelnen figurativ verdichtet. Über sie wird nicht zuletzt die Frage nach der Bedeutung des Individuums in der modernen Gesellschaft verhandelt.

Im Seminar sollen soziologische Zeitdiagnosen aus unterschiedlichen Phasen des 20. und 21. Jahrhunderts vorgestellt, verglichen und kritisch analysiert werden. Ziel der Lehrveranstaltung ist zum einen, Eigenarten des Genres soziologischer Zeitdiagnosen herauszuarbeiten und andererseits herauszulesen, auf welche gesellschaftlichen Zeiterfahrungen die Zeitdiagnosen antworten. Anders formuliert: Es geht darum, soziologisch zu beobachten, wie die Soziologie unterschiedliche Gegenwarten beobachtet hat.

Dingpraktiken II - Vom Umgang mit Dingbildern im Kontext von Heldenverehrung und Opfergedenken - Beispiel Freiburg (SoSe 2015)

zusammen mit Richard Schindler

Das Selbstverständnis ganzer Gesellschaften, aber auch kleinerer oder größerer sozialer Gruppen, orientiert und reguliert sein Zusammenleben an gemeinschaftlich geteilten Werten, wie sie explizit in Gesetzestexten, Verfassungen, aber auch Unternehmensphilosophien oder anderen diskursiven Medien formuliert sind. Daneben und zugleich artikulieren sich Werte jedoch auch im sozialen Handeln sowie im ganz alltäglichen Umgang mit natürlichen Dingen und Artefakten. Unser Forschungsinteresse gilt solchen Dingpraktiken und ihren impliziten Werthaltungen und Bedeutungsstrukturen. Dabei konzentrieren wir uns in Dingpraktiken II auf sichtbare und materiale Ausdrucksgestalten wie Denkmale, Mahnmale oder Grabmale, aber auch auf so Flüchtiges wie Graffitis oder niedergelegte Blumen.
Oft politisch aufgeladen und umstritten, besetzen oder schaffen diese Dingpraktiken prägnante Orte im Stadtbild, indem ihre architektonisch-bildnerischen Arrangements mehr oder weniger nachdrücklich Aufmerksamkeit fordern. Häufig handelt es sich um figurative Darstellungen von Helden oder Stars, aber auch von Opfern oder Repräsentanten einer sozialen oder religiösen Bewegung, mit denen an öffentlichem Ort Verehrung und Bewunderung, Gedenken und Erinnerung einzelner Menschen einen bildhaften Ausdruck finden. Wir suchen besser zu verstehen, wie sie als Realisierungsformen kollektiver Würdigungen „funktionieren“.
Zu diesem Zweck sollen zunächst in ethnografischen Streifzügen in Freiburg unterschiedlichste Formen kollektiver Würdigungen ausfindig gemacht und fotografisch dokumentiert werden. Diese Bilddokumente werden wir dann bildnerisch-wissenschaftlich analysieren und interpretieren. Dazu werden wir im Seminar eine geeignete Methode der Bildanalyse erarbeiten und in durchaus kritischer Absicht fragen, was mit den untersuchten Sachverhalten sichtbar intendiert ist und welche Aspekte sich - demgegenüber - methodisch kontrolliert als latente Sinnstruktur rekonstruieren lassen. Wie sind solche kollektiven Inszenierungen aufgebaut, wie ist das Passungsverhältnis zu ihrer Umgebung, welcher impliziten Regelstruktur folgen sie? Lassen sich historische Gestalttransformationen ausfindig machen – etwa von traditionalen Denkmälern, die konkrete Figuren heroisieren hin zu abstrakteren Konzeptionen in jüngerer Zeit – oder sehen wir uns immer nur Reproduktionen hergebrachter Ausdrucksgestalten gegenüber?
Für das Seminar ist die Teilnahme an Dingpraktiken I keine Voraussetzung, aber wünschenswert.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg mit dem Institut für Visual Profiling, Freie Landesakademie Kunst gGmbH.

Dingpraktiken - Über den kreativen Umgang mit Dingen im Alltag (WS 2014/15)

zusammen mit Richard Schindler

Im Alltag haben wir nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit unterschiedlichsten Gegenständen zu tun. Die Soziologie hat diesen Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit lange vernachlässigt. Neuere Ansätze der Sozial- und Kulturwissenschaften haben nun ‚die Dinge‘ (wieder) entdeckt und stellen sich der Aufgabe zu beschreiben, wie wir mit Dingen umgehen und auf welche Weise sie unseren Alltag prägen. Dabei scheinen vielfältige Dingpraktiken nicht in den gängigen Kategorien und Funktionen, wie ‚Gebrauchsgegenstand‘, ‚Ware‘, ‚Müll‘ etc. aufzugehen. In diesem Seminar soll die Aufmerksamkeit gerade den Umgangsformen mit Dingen gelten, die von selbstverständlichen Zuordnungen nicht erfasst werden - weil sie banal oder ungewöhnlich, uninteressant oder kreativ, üblich oder eigenwillig sind?

In ethnografischen Streifzügen durch die Stadt sollen konkrete Praktiken mit Dingen entdeckt und (fotografisch) dokumentiert werden. Diese Dokumente werden im zweiten Seminarblock besprochen und ausgewertet (u.a. mit Methoden der visuellen Bildanalyse). Zuvor werden im ersten Block Texte gelesen und erörtert, die die Rolle der Dinge im Alltag beschreiben (etwa von Jean Baudrillard, Michel de Certeau, Bruno Latour u.a.). Das Seminar ist ein Versuch, theoretische Anregungen aus der Textlektüre mit genauen Mikroanalysen empirischer Funde zu verbinden. Dabei versprechen wir uns gerade vom besonders genauen Hinschauen neue Einblicke in den alltäglich außeralltäglichen Umgang mit Dingen, die uns umgeben.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg mit dem Institut für Visual Profiling, Freie Landesakademie Kunst gGmbH.

Metaphern der Gesellschaft: Organismus, Maschine, Theater, Netzwerk (WS 2012/13)

zusammen mit Prof. Ulrich Bröckling

Der Gegenstand der Soziologie – ‚die Gesellschaft‘ – ist als solcher nur schwer greifbar und schon gar nicht in irgendeiner Weise überschaubar. Um die Einheit des Sozialen auszudrücken, greifen soziologische Theorien daher auf Metaphern zurück und beschreiben Gesellschaft etwa als ‚sozialen Organismus‘, als ‚Netzwerk‘ oder sie schreiben im Sinne der Theater-Metaphorik von ‚sozialen Akteuren, Rollen und Inszenierungen‘. Solche metaphorischen Ausdrücke finden sich in allen soziologischen Texten. Sie setzen die Gesellschaft nicht nur ins Bild, sondern prägen auch auf ihre je spezifische Weise den Gegenstandsbereich der Soziologie und nehmen damit letztlich auch Einfluss auf die soziologische Theoriebildung. Im Gegensatz zu der Annahme, es handele sich bei Metaphern lediglich um ‚sprachliche Zierden oder Ausschmückungen‘, ist vielmehr davon auszugehen, dass sie eine konstitutive Rolle in der soziologischen Theoriebildung spielen, indem sie mit bestimmen, welche Fragen gestellt werden, welche Argumente evident erscheinen und welche Lösungswege eingeschlagen werden – und welche nicht.

 Im Seminar sollen ausgewählte Gesellschaftstheorien vorgestellt und anhand ihrer Leitmetaphern miteinander verglichen werden. Es wird darum gehen, die zentralen Metaphern der entsprechenden soziologischen Theorien herauszuarbeiten und zu untersuchen, welche Theorieeffekte sie erzielen. Außer der grundlegenderen Frage, welche Rolle Metaphern in der soziologischen Theoriebildung spielen, wird uns genauer die Frage danach, wann welche Metaphern in den soziologischen Theorien auftauchen und welchen Einfluss sie in der Theoriebildung ausüben, beschäftigen.

Multilokalität und Grenzen. Heutige räumliche Praxis, Ungleichheit und Identität anders denken (SoSe 2012)

zusammen mit Dr. Cédric Duchêne-Lacroix

Immer mehr Menschen führen heute ein multilokales Leben. Sie arbeiten an einem ersten Ort, wohnen an einem zweiten oder haben dort ihre Familie und verbringen ihre Freizeit wieder andernorts. Die neuen Kommunikations- und Mobilitätstechnologien erlauben es, immer mehr und immer entferntere Lebensorte miteinander zu verbinden. Dennoch kann man physisch nur jeweils an einem Ort sein und im alltäglichen Leben bleiben weiterhin konkrete Lokalisierungs- und Territorialisierungsprozesse wichtig. Dabei gehören das Überqueren von geografischen Grenzen und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen soziokultureller Abgrenzungen zum multilokalen Alltag. Wie kann multilokales Leben soziologisch adäquat beschrieben werden? Mit den verfügbaren sozialwissenschaftlichen Begriffen, Modellen und Theorien lassen sich die sozialen Praxen multilokaler Lebensentwürfe nur ungenügend fassen. Im Seminar sollen vielmehr gängige soziologische Kategorien und Selbstverständnisse hinterfragt (z.B. die Zuordnung einer sozialen Gruppe zu einem homogenen Raum) und zur eigenen Theoriebildung eingeladen werden (Archipelisierung, Transnationale Soziale Räume etc.). Ein thematischer Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage nach Grenzen, weil sie in multilokalen Lebenssituationen eine wichtige Rolle spielen.

Netzwerktheorien (SoSe 2010)

zusammen mit Dr. Doris Schweitzer

Das Netzwerk ist heutzutage in aller Munde – sei es als soziales Netzwerk, globale Vernetzung, Netzwerke persönlicher Beziehungen oder etwa als Netzwerkgesellschaft. Aus soziologischer Perspektive sind Netzwerke insbesondere in zweierlei Hinsicht von Interesse: Zum einen ist mit dem Netzwerk der Anspruch verbunden, die gegenwärtige soziale Form bzw. Struktur als Netzwerkgesellschaft zu beschreiben. Zum anderen werden Netzwerke als soziologische Instrumente eingesetzt, prominent etwa in der sozialen Netzwerkanalyse. Im Seminar werden einschlägige Netzwerktheorien und deren jeweiliges Konzept des ‚Netzwerks’ erarbeitet und verglichen. Dies soll anhand der Textlektüre von Autoren wie Simmel. Levy Moreno, Barnes, Granovetter, Serres, Castells, Latour et al. geschehen, wobei das Augenmerk insbesondere auf die jeweiligen Einsatzbereiche des Netzwerkbegriffs (technisch, sozial, diagnostisch, epistemisch etc.) gerichtet wird. Ziel ist es, die Entwicklung des Netzwerk-Konzepts zu verfolgen sowie die unterschiedlichen Verständnisse von ‚Netzwerk’ voneinander abzugrenzen, um sich damit eine Orientierung in der Vielzahl der soziologischen Verwendungsweisen des Netzwerks zu verschaffen.