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Promotionsprojekt Michael Schüßler

schuessler.micha@googlemail.com

 

Sprache und Interaktionsform
Aspekte einer materialistischen Theorie des Leibes (Arbeitstitel)

 

Aktuelle, vor allem am Poststrukturalismus orientierte Ansätze der Körpersoziologie stellen die Unhintergehbarkeit des Performativen in der Frage des Körperlichen in den Mittelpunkt. Besonders Judith Butler hat(te) hierin mit ihrer Theorie der performativen Materialisierung von Körper und Geschlechtlichkeit durch die repetitive Praxis sprachlicher, signifizierender Akte einen großen Einfluss. In diesen Konzeptionen wird das Verhältnis von Sprache und Körperlichkeit meines Erachtens dahingehend vereinseitigt, dass das Sinnliche, die Gefühlswelt, das Unbewusste, letztlich das Leibliche stets unter dem Vorzeichen ihrer beständig durch Sprache formierten, damit performativen Realitätsmächtigkeit betrachtet werden. Für die kritische Auseinandersetzung mit dieser Argumentation bietet es sich an, anhand der Problematik des Unbewussten das Verhältnis von Sprache, Körper und Leib auszuloten. Das Unbewusste scheint sich gerade dadurch qualitativ zu bestimmen, dass es sich als eindringlich realitätsmächtig erweist und doch offenbar durch die Absenz des Sprachlichen konstituiert ist. So bestimmt Freud: »[D]ie bewußte Vorstellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wortvorstellung, die unbewußte ist die Sachvorstellung allein« (Sigmund Freud, Das Unbewußte, 1982, S. 160). Mit dem Entwurf Jacques Lacans liegt allerdings ein über die Psychoanalyse hinaus sehr bedeutsamer Ansatz vor, welcher das Unbewusste selbst wie bzw. als eine Sprache strukturiert betrachtet. Für Lacan ist das Unbewusste das Ergebnis der Funktionen der Signifikanten-Kette, die Metonymie und die Metapher. Im Modus der Verdrängung von Signifikanten untereinander, mit dem Feld der substituierten, der latenten Signifikanten konstituiert sich das Unbewusste. Lacan geht es damit in gewisser Weise um eine Sprachgebundenheit des Unbewussten und der Triebe. Die Ansätze von Butler und Lacan dienen als Kontrastfolie, um einen gegensätzlichen Entwurf zu erörtern. Mir geht es darum, in einer materialistisch-psychoanalytischen Perspektive die Vermittlung von Sprache und Leib-Körper aufzuzeigen und damit die Sprache als ein erkenntnistheoretisch Erstes zu hinterfragen. Es wird deutlich werden, dass die Qualität des Unbewussten das psychophysiologische Ergebnis eines praktischen, lebensgeschichtlichen Konfrontationsprozesses zwischen (innerer) Natur, individuellen Anlagen und gesellschaftlichen Formen ist. Diese erste inkorporierte und handlungsleitende Erlebnisschicht bildet wiederum den subjektseitigen Gegenpol zur sozialisatorischen Verankerung von Sprache und der damit verbundenen Bildung von Selbst- und Objekt-Repräsentanzen. Es soll folglich ein theoretischer Standort formuliert werden, von dem aus das Nichtsprachliche nicht einfach der sprachvermittelten Intelligibilität von Welt bei Butler polar entgegengesetzt werden soll, sondern sich die Vermittlungen von Nichtsprachlichem und Sprache am Leib-Körper aufzeigen lassen. Das Verhältnis von Sprache und Körper begründet sich in der gesellschaftlich-geschichtlich vermittelten Leib- und Triebgebundenheit der Sprache. In Auseinandersetzung mit der kritischen Theorie des Subjekts (Alfred Lorenzer, Klaus Horn et al) als eine »Hermeneutik des Leibes« (Lorenzer) erörtere ich dazu eine Gegenthese zur Lacanschen Position. Entgegen der Auffassung einer sprachstrukturalistischen Verfasstheit des Psychischen geht es um »die der Sprache vorgelagerte, lebensgeschichtliche und materielle Dimension des Unbewussten« (Julia König, Hermeneutik des Leibes und der Vorrang des Objekts, 2016, S. 145). Mit Lorenzers Begriffen der sinnlich-symbolischen Interaktionsformen und des Szenischen Verstehens sowie mit Theodor W. Adornos Begriffen der Nichtidentität und der Konstellation soll an der Eigenständigkeit des Leiblichen, letztlich an der Dialektik von Natur und Gesellschaft im Individuum festgehalten werden.

 

Kurzvita

 

10/2005 – 10/2012: Studium der Soziologie (Diplom) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Seit 10/2013: Doktorand an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau.

Seit 11/2014: Promotionsstipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

Arbeitsschwerpunkte: Kritische Theorie der Gesellschaft, Kritische Theorie der Leiblichkeit und der Sprache, Psychoanalyse, Neue Marx-Lektüre und Materialismus, (Post-)Strukturalismus, Philosophische Anthropologie, Soziologie des Körpers, Theorie(n) der Ästhetik.

 

Publikationen

 

Sammelbände

  • Schüßler, Michael/Körner, Alex/Kuppe, Julian (Hg.): Der Widerspruch der Kunst. Beiträge zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik, Frank & Timme - Verlag für wissenschaftliche Literatur, Berlin, 2016. 
  • Schüßler, Michael/Dietrich, Christian (Hg.): Jenseits der Epoche. Zur Aktualität faschistischer Bewegungen in Europa, Unrast Verlag, Münster, 2011.

Artikel

  • Schüßler, Michael (2017): Leib und Körper in der Kritischen Theorie Theodor W. Adornos und der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners, in: Ebke, Thomas et al (Hg.): Mensch und Gesellschaft zwischen Natur und Geschichte. Zum Verhältnis von Philosophischer Anthropologie und Kritischer Theorie. Internationales Jahrbuch für Philosophische Anthropologie, Band 6, Berlin/Boston, S. 77 – 97.
  • Schüßler, Michael (2016): Leiblichkeit, Sinnlichkeit und Nichtidentisches in der Kunst. Aspekte einer materialistischen Theorie des Leib-Körpers anhand der Performancekunst und des Tanztheaters, in: Schüßler, Michael/Körner, Alex/Kuppe, Julian (Hg.), S. 227 – 258.